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Pflegegrad-Hürden sollen 4,2 Milliarden sparen – Studie erwartet nur rund 2 Milliarden

Härtere Pflegegrad-Grenzen sollen der Pflegeversicherung bis 2030 rund 4,2 Milliarden Euro sparen. Doch eine neue WIdO-Analyse kommt auf einen deutlich kleineren Effekt: Voraussichtlich bleiben nur etwa zwei Milliarden Euro. Für Pflegebedürftige ist das die unangenehme Pointe – die höheren Hürden können Leistungen kosten, obwohl die Kassen weit weniger entlastet werden als geplant.

Die Milliardenersparnis ist fest eingeplant

Im Referentenentwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes ist die Rechnung bereits beziffert. Durch die „Anpassung der Begutachtungssystematik“ erwartet das Bundesgesundheitsministerium 2027 Minderausgaben von 1,3 Milliarden Euro. 2028 sollen es 2,5 Milliarden, 2029 schon 3,4 Milliarden und 2030 schließlich 4,2 Milliarden Euro sein.

Dafür sollen unter anderem die Schwellenwerte für Pflegegrad 1, 2 und 3 steigen. Wer künftig denselben Hilfebedarf hat wie heute, kann deshalb trotzdem unter einer Pflegegrad-Grenze bleiben oder an einer Höherstufung scheitern. Die geplanten neuen Pflegegrad-Hürden ab 2027 sparen also nicht, weil Menschen plötzlich selbstständiger werden. Sie sparen, weil weniger oder niedrigere Pflegegrade anerkannt werden.

WIdO erwartet nur etwa zwei Milliarden Euro

Genau diese Rechnung greift nach Ansicht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zu kurz. In seiner am 2. September veröffentlichten Analyse zur Pflegebegutachtung kommt das WIdO zu dem Ergebnis, dass die realisierbaren Einsparungen voraussichtlich nur bei rund zwei Milliarden Euro jährlich liegen werden. Die bisher veranschlagten Effekte könnten damit bis zu 50 Prozent niedriger ausfallen.

Grundlage sind die Bewertungen von rund 1,1 Millionen AOK-Versicherten, die 2024 erstmals vom Medizinischen Dienst begutachtet wurden oder eine Höherstufung beantragten. Auffällig war, wie viele Bewertungen unmittelbar oberhalb der heutigen Pflegegrad-Grenzen lagen: knapp 21 Prozent bei Erstanträgen und rund 16 Prozent bei Höherstufungen.

Werden die Grenzen verschoben, dürften sich nach Einschätzung des WIdO auch Teile dieser Häufungen verschieben. Menschen und Begutachtungsverfahren reagieren also auf neue Schwellen. Eine reine Hochrechnung mit den heutigen Bewertungen überschätzt deshalb möglicherweise, wie viele Pflegegrade tatsächlich wegfallen – und damit auch die Milliardenersparnis.

Pflegegrad-Rechner 2026

Die höhere Hürde verschwindet dadurch nicht

Für Betroffene macht das die geplante Reform eher schwerer zu erklären. Ein Antrag kann an den höheren Grenzen scheitern, obwohl der finanzielle Nutzen für die Pflegeversicherung deutlich kleiner ausfällt als kalkuliert.

Das WIdO warnt ausdrücklich vor Folgen für Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität. Der Hilfebedarf eines Menschen ändert sich schließlich nicht, nur weil der Gesetzgeber eine Punktgrenze anhebt. Wer beim Waschen, Anziehen, Aufstehen oder bei der Orientierung Unterstützung braucht, benötigt diese Hilfe auch dann, wenn die Begutachtung am Ende knapp keinen oder nur einen niedrigeren Pflegegrad ergibt.

Wie empfindlich das System auf veränderte Schwellen reagieren kann, zeigte bereits die Simulation zu den geplanten Pflegegrad-Grenzen: Auf die Erstanträge von 2024 übertragen wären in der vollständigen Reformvariante mehr als 216.000 Anerkennungen weggefallen. Diese Rückrechnung ist keine Prognose für 2027, zeigt aber die Größenordnung möglicher Verschiebungen.

Vor der Reform droht ein Antragsansturm

Die neue Analyse nennt noch einen Effekt, der die Sparpläne zunächst sogar ins Gegenteil verkehren könnte. Solange die alten Regeln gelten, besteht ein Anreiz, einen Antrag oder eine Höherstufung vorzuziehen. Das WIdO hält deshalb kurzfristig sogar steigende Ausgaben für möglich. Gleichzeitig könnten zusätzliche Anträge den ohnehin stark belasteten Medizinischen Dienst treffen.

Pflegegrad beantragen: So bereitest du die Begutachtung vor

Beschlossen sind die höheren Pflegegrad-Hürden noch nicht. Das Bundesgesundheitsministerium führt das Pflegeneuordnungsgesetz weiterhin als Referentenentwurf. Damit können sich Schwellenwerte, Übergangsregeln und Starttermin noch ändern.

Die neue WIdO-Analyse erhöht aber schon jetzt den Rechtfertigungsdruck. Pflegebedürftige sollen einen schwereren Zugang zu Leistungen hinnehmen, damit Milliarden gespart werden. Wenn am Ende statt rund vier Milliarden nur etwa zwei Milliarden Euro erreichbar sind, bleibt für Betroffene die höhere Hürde – der große Spareffekt dagegen möglicherweise nicht.