Das Pflegegeld muss weiter aufs Konto, der Pflegedienst weiter bezahlt werden. Doch ab Oktober reichen die laufenden Einnahmen der Pflegeversicherung dafür rechnerisch nicht mehr aus. Bis zum Jahresende fehlen 500 Millionen Euro, für 2027 beziffert der GKV-Spitzenverband die ungedeckte Lücke sogar auf zehn Milliarden Euro.
Einen plötzlichen Zahlungsstopp müssen Pflegebedürftige trotzdem nicht fürchten. Die gesetzlichen Ansprüche bestehen weiter. Bezahlt werden muss die Milliardenlücke aber dennoch – über Steuern, höhere Beiträge oder Einschnitte bei den Leistungen. Wer die Rechnung übernimmt, entscheidet die Politik in den kommenden Monaten.
Im Oktober wird es eng
Die Zahlen vom 31. August zeigen, wie schnell sich die Lage verschärft hat. Allein im ersten Halbjahr 2026 sammelte die soziale Pflegeversicherung ein Defizit von 770 Millionen Euro an. Ihre Ausgaben stiegen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um elf Prozent, die Beitragseinnahmen dagegen nur um 3,9 Prozent. Der GKV-Spitzenverband spricht deshalb von „Alarmstufe Rot“.
Dabei fließen bereits 3,2 Milliarden Euro als Darlehen des Bundes in das System. Ohne diesen Kredit läge das Minus im Gesamtjahr nach der neuen Prognose bei 4,4 Milliarden Euro. Doch selbst das Darlehen und das letzte Geld aus dem Pflege-Ausgleichsfonds schließen die Lücke nicht. Bis Dezember müssen weitere 500 Millionen Euro aufgebracht werden.
Seit 2017 fast doppelt so viele Pflegebedürftige
Der größte Kostentreiber ist die stark gewachsene Zahl der Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten. Seit der Pflegereform 2017 hat sie sich nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes von etwa drei auf fast sechs Millionen ungefähr verdoppelt. Dahinter steckt nach einer vom Verband beauftragten Untersuchung des IGES-Instituts nicht hauptsächlich die Alterung der Bevölkerung. Den stärkeren Ausschlag gab der 2017 eingeführte, weiter gefasste Pflegebedürftigkeitsbegriff. Seitdem werden neben körperlichen Einschränkungen auch geistige und psychische Beeinträchtigungen umfassender berücksichtigt.
Dadurch erhalten mehr und im Durchschnitt jüngere sowie weniger stark beeinträchtigte Menschen Pflegeleistungen. Die Zahl der Versicherten mit einem Erstantrag stieg seit der Reform um 25,9 Prozent. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Pflegebedürftigen an allen gesetzlich Versicherten zwischen 2017 und 2024 von 4,6 auf 7,6 Prozent. Mehr als drei Viertel der erwachsenen Antragsteller im ambulanten Bereich erhalten Pflegegrad 1 oder 2 und bleiben vielfach über Jahre im Leistungssystem. Das macht ihre Ansprüche nicht unberechtigt. Es zeigt aber, dass die finanziellen Folgen der Reform erheblich unterschätzt wurden. Der GKV-Spitzenverband drängt deshalb inzwischen darauf, die Punkteschwellen für die Pflegegrade erneut zu prüfen. Beschlossen ist eine Verschärfung bislang nicht.
Pflegegeld darf nicht einfach ausfallen
Für einen Haushalt mit Pflegebedarf klingt die Warnung zunächst bedrohlich. Mit Pflegegrad 2 stehen monatlich 347 Euro Pflegegeld auf dem Spiel, mit Pflegegrad 5 sind es 990 Euro. Ein Pflegedienst kann je nach Pflegegrad bis zu 2.299 Euro im Monat mit der Kasse abrechnen. Beim gemeinsamen Jahresbetrag für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege geht es um bis zu 3.539 Euro.
Diese Beträge verschwinden im Oktober nicht. Ein anerkannter Pflegegrad und ein bewilligter Anspruch gelten auch dann, wenn die Pflegeversicherung insgesamt zu wenig Geld einnimmt. GKV-Vorstandschef Oliver Blatt stellte gegenüber dem ZDF ausdrücklich klar, die Pflege könne nicht pleitegehen. Notfalls müsste der Bund kurzfristig weiteres Geld bereitstellen.
Die Pflegegeldbeträge für 2026 und die übrigen vom Bundesgesundheitsministerium ausgewiesenen Leistungsansprüche bleiben damit bestehen. Wird eine fällige Zahlung nicht überwiesen, ist das kein hinzunehmender Nebeneffekt des Defizits. Der Grund muss individuell mit der Pflegekasse geklärt werden.
Die Zehn-Milliarden-Rechnung ist offen
Die akute Lücke bis Dezember lässt sich noch mit einem weiteren Zuschuss oder Darlehen überbrücken. Danach wird es ungleich schwieriger. Noch am 25. August stand eine AOK-Prognose von acht Milliarden Euro Defizit für 2027 im Raum. Sechs Tage später veranschlagt der GKV-Spitzenverband bereits zehn Milliarden Euro.
Davon entfallen rund 7,5 Milliarden Euro auf das erwartete Defizit. Der Rest wird gebraucht, um die nahezu aufgezehrten Betriebsmittel der Pflegekassen wieder aufzufüllen. Bleibt die Politik untätig, kann die Rechnung an mehreren Stellen ankommen: bei Beschäftigten und Rentnern über höhere Pflegebeiträge, bei Pflegebedürftigen über gekürzte Ansprüche oder bei allen Steuerzahlern über zusätzliche Bundesmittel. Beschlossen ist davon noch nichts.
Der GKV-Spitzenverband zeigt zugleich einen Weg ohne Leistungskürzungen auf. Der Bund solle 5,2 Milliarden Euro für Ausgaben aus der Corona-Zeit zurückzahlen und künftig die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen. Allein dieser zweite Posten kostet die Pflegeversicherung jährlich rund 5,3 Milliarden Euro. Zusammen würden beide Maßnahmen nach Berechnung des Verbandes die Lücke 2027 schließen.
Für Heimbewohner steckt in den Forderungen eine weitere Summe mit unmittelbarer Wirkung. Übernähmen die Länder endlich die Investitionskosten der Einrichtungen, könnten die Eigenanteile nach Berechnung des Verbandes um rund 500 Euro im Monat sinken. Bislang bezahlen Bewohner diese Kosten vielerorts über ihre Heimrechnung mit.
Im Oktober wird das Pflegegeld also nicht plötzlich gestrichen. Die Finanzwarnung nimmt der Politik aber die Möglichkeit, das Problem noch länger zu vertagen. Zehn Milliarden Euro verschwinden nicht durch eine weitere Zwischenfinanzierung. Werden Bund und Länder nicht stärker beteiligt, droht die Rechnung dort anzukommen, wo schon heute jeder zusätzliche Eigenanteil schmerzt – bei Pflegebedürftigen, Angehörigen und Beitragszahlern.