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Viele Rentner holen sich kein Geld, obwohl es ihnen zusteht

Rentner Ehepaar mit Gehstock betreten Sozialamt um Grundsicherung im Alter zu beantragen

Viele ältere Menschen leben mit sehr wenig Geld. Trotzdem stellen sie keinen Antrag auf Grundsicherung im Alter. Manche kennen ihren Anspruch nicht. Andere schämen sich. Wieder andere scheitern an Formularen, Nachweisen oder der Angst, Angehörige könnten herangezogen werden.

Genau diese verdeckte Altersarmut soll stärker bekämpft werden. Die Alterssicherungskommission fordert einfachere Zugänge, bessere Beratung und verständlichere Anträge. Es geht dabei nicht um eine neue Sonderleistung, sondern um Geld, das Bedürftigen schon heute zustehen kann.

Viele Ansprüche bleiben ungenutzt

Grundsicherung im Alter ist für Menschen gedacht, die die Altersgrenze erreicht haben und ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen und Vermögen sichern können. Die Deutsche Rentenversicherung nennt als einfache Faustregel: Wer insgesamt weniger als 1.148 Euro monatlich zur Verfügung hat, sollte prüfen lassen, ob ein Anspruch besteht.

Ende 2025 bezogen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 1,28 Millionen Menschen Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung. Davon hatten rund 764.000 Personen die Altersgrenze erreicht oder überschritten. Die Zahl der Grundsicherungsbezieher im Alter stieg gegenüber Ende 2024 um 3,4 Prozent und erreichte einen neuen Höchststand.

Kennzahl Ende 2025Wert
Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung insgesamt1.283.860
davon ab Altersgrenze764.065
davon wegen Erwerbsminderung519.795
Anstieg bei Grundsicherung im Alter gegenüber 20243,4 %

Diese Zahlen zeigen aber nur die sichtbare Armut. Die unsichtbare Armut taucht in der Statistik gerade nicht auf. Nach den Schätzungen, auf die sich die Alterssicherungskommission stützt, liegt die Nichtinanspruchnahme zwischen 40 und 70 Prozent. Heißt: Ein erheblicher Teil der Menschen, die Anspruch haben könnten, kommt im Hilfesystem gar nicht an.

Warum Rentner keinen Antrag stellen

Die Gründe sind selten nur finanziell. Viele Rentner schämen sich, zum Sozialamt zu gehen. Grundsicherung im Alter ist rechtlich Sozialhilfe nach dem SGB XII – auch wenn sie sich deutlich von der früheren Fürsorgelogik abgrenzt. Andere glauben fälschlicherweise, ihre Kinder müssten automatisch zahlen. Tatsächlich werden Kinder oder Eltern erst relevant, wenn ihr jährliches Gesamteinkommen im Sinne des § 16 SGB IV über 100.000 Euro liegt.

Dazu kommen komplizierte Formulare, Nachweise zu Einkommen und Vermögen sowie die Sorge, am Ende doch abgelehnt zu werden.

HürdeWarum sie wirkt
SchamViele Rentner wollen keine Sozialhilfe beantragen – genau dazu gehört die Grundsicherung im Alter rechtlich
Unwissenviele kennen Freibeträge und Regeln nicht
Angst vor AngehörigenhaftungKinder oder Eltern werden erst ab mehr als 100.000 € jährlichem Gesamteinkommen relevant
FormulareAnträge sind für viele zu kompliziert
geringer Anspruchmanche verzichten, weil sie nur wenig Geld erwarten

Die Alterssicherungskommission setzt deshalb nicht zuerst bei der Leistungshöhe an, sondern beim Zugang. Anlaufstellen vor Ort sollen besser beraten. Digitale Wege sollen ergänzt werden, aber nicht die persönliche Hilfe ersetzen. Eine App könnte Antragsteller mit Filterfragen durch den Antrag führen, damit nur noch abgefragt wird, was im konkreten Fall wirklich nötig ist.

Auch soziale Dienste, Seniorenangebote, Hausarzt oder ambulante Pflege könnten mit Einwilligung der Betroffenen auf mögliche Ansprüche hinweisen. Gerade Menschen mit Pflegebedarf oder gesundheitlichen Einschränkungen erreichen klassische Behördeninformationen oft nicht.

Wohngeld-Kürzung könnte Tausende Rentner in die Grundsicherung drängen

Mehr Anträge wären kein Sozialstaats-Skandal

Politisch ist der Punkt heikel. Steigt die Zahl der Grundsicherungsbezieher, wird das oft sofort als Beleg für wachsende Altersarmut gelesen. Das kann stimmen, muss aber nicht der einzige Grund sein. Wenn Menschen ihren bestehenden Anspruch endlich nutzen, steigt die Statistik ebenfalls.

Genau darauf zielt die Kommission ab: Ein Anstieg der Grundsicherungszahlen kann auch bedeuten, dass Armut wirksamer bekämpft wird. Entscheidend ist also nicht nur, wie viele Menschen Grundsicherung erhalten. Entscheidend ist auch, wie viele trotz Anspruch leer ausgehen.

Freibetrag könnte mehr Rentner erreichen

Zum Paket gehört ein zweiter Vorschlag: Wer Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung gezahlt hat, soll in der Grundsicherung mehr davon behalten dürfen. Heute gibt es einen Freibetrag für gesetzliche Renten nur, wenn mindestens 33 Jahre mit Grundrentenzeiten vorhanden sind. Viele Menschen mit niedrigen Renten erreichen diese Schwelle aber nicht.

Künftig könnte ein Freibetrag für alle gesetzlichen Renten in der Grundsicherung eingeführt werden. Denkbar wäre eine prozentuale Lösung ab dem ersten Euro Bruttorente, etwa 20 oder 30 Prozent. Außerdem soll die Obergrenze auf zwei Drittel der Regelbedarfsstufe 1 steigen können.

Beschlossen ist das noch nicht. Die Kommission will aber erreichen, dass sich eingezahlte Rentenbeiträge auch bei Grundsicherung im Alter spürbar auswirken.

Für Betroffene wäre das wichtig. Wer 25 oder 30 Jahre gearbeitet hat, aber keine 33 Grundrentenjahre erreicht, steht heute oft kaum besser da als jemand ohne eigene Rentenbeiträge. Genau diese Gerechtigkeitslücke soll geschlossen werden.

Grundsicherung im Alter: Neuer Freibetrag soll Rentnern mehr lassen

Was Rentner jetzt prüfen sollten

An der geltenden Rechtslage ändert der Reformvorschlag zunächst nichts. Wer heute wenig Einkommen hat, sollte aber nicht auf eine Reform warten. Entscheidend ist der konkrete Bedarf: Regelsatz, Miete, Heizkosten, Kranken- und Pflegeversicherung, Mehrbedarfe sowie Einkommen und Vermögen.

Die Faustregel der Rentenversicherung ist dafür ein guter Einstieg: Liegt das gesamte Einkommen unter 1.148 Euro im Monat, sollte ein Anspruch geprüft werden. Das ist keine Garantie für Grundsicherung. Aber es ist ein klares Warnsignal, dass möglicherweise Geld liegen bleibt.