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Rente mit 70: Warum viele Versicherte deutlich weniger Rente bekämen

Rentner steht mit offener Geldbörse und wenigen Geldscheinen darin vor einem Geldautomaten

Die Debatte reißt nicht ab – und sie trifft genau jene, die ohnehin wenig finanziellen Puffer haben. Eine Anhebung der Regelaltersgrenze auf 70 würde nicht automatisch dazu führen, dass Millionen Beschäftigte plötzlich fitter und gesünder sind und länger arbeiten können. Realistisch ist eher das Gegenteil: Wer es gesundheitlich oder arbeitsmarktbedingt nicht bis zur neuen Grenze schafft, geht früher in Rente – und zahlt dauerhaft höhere Abschläge. Genau deshalb würde eine „Rente mit 70“ für viele Versicherte faktisch einer Rentenkürzung gleichkommen, die vor allem körperlich Tätige und Geringverdiener trifft.

Was aktuell gilt

  • Die Regelaltersgrenze wird stufenweise bis 2031 auf 67 Jahre angehoben.
  • Für Jahrgänge ab 1964 gilt: Regelaltersgrenze 67.
  • Wer früher geht, zahlt 0,3 % Abschlag pro Monat, maximal 14,4 % – lebenslang.
  • „Besonders langjährig Versicherte“ (45 Versicherungsjahre) können abschlagsfrei vor der Regelaltersgrenze gehen (bei Jahrgang 1964: mit 65).

Früher in Rente – was ein Jahr vorzeitiger Ruhestand wirklich kostet

Warum ein höheres Rentenalter zu niedrigeren Renten führt

Grundregel: 0,3 % Abschlag pro Monat vor der persönlichen Regelaltersgrenze – lebenslang.

Rechenbeispiele (unterstellt: Regelaltersgrenze 67 – Jahrgänge ab 1964):

  • Rentenbeginn mit 64 = 36 Monate früher ⇒ 10,8 % Abschlag.
  • Rentenbeginn mit 63 = 48 Monate früher ⇒ 14,4 % Abschlag.

Wenn das Regelalter auf 70 steigt (gleiche Regeln unterstellt):

  • Rentenbeginn mit 64 = 72 Monate früher ⇒ 21,6 % Abschlag.
  • Rentenbeginn mit 63 = 84 Monate früher ⇒ 25,2 % Abschlag.
  • Bleibt die 4-Jahres-Grenze, wären 63/64 nicht mehr möglich: frühester Beginn 66 (= 14,4 %).

In Euro gedacht (Beispiel 1.500 € Monatsrente): 10,8 % = −162 €, 21,6 % = −324 € – jeden Monat weniger Rente, dauerhaft.

Kurz gesagt: Gleiches Rentenalter beibehalten, Regelalter erhöhen = die Lücke wird größer = die Abschläge steigen (oder frühe Starts entfallen). Genau deshalb wirkt „Rente mit 70“ wie eine Rentenkürzung durch die Hintertür.

Wen die Rente mit 70 besonders treffen würde

  • Körperlich belastete Berufe: Bau, Pflege, Logistik – hier ist die gesundheitliche Reserve begrenzt. Studien zeigen: Nicht alle Berufsgruppen profitieren gleichermaßen von längeren gesunden Erwerbsjahren.
  • Regionen und Milieus mit niedriger Lebenserwartung: In besonders benachteiligten Regionen liegt die Lebenserwartung teils Jahre unter dem Durchschnitt (2020–2022: minus 4,3 Jahre bei Frauen, minus 7,2 Jahre bei Männern). Wer weniger alt wird, trägt relativ mehr Last durch spätere Renten.
  • Arbeitslose im Übergang & Erwerbsgeminderte: Längere Wartezeiten bis zur Regelaltersgrenze bedeuten mehr Phasen ohne volle Erwerbsarbeit – und häufiger Abschläge oder Erwerbsminderungsrenten.

Konkreter Effekt für Jahrgänge ab 1964

Heute gilt: Abschlagsfrei früher geht nur noch mit 45 Jahren Versicherungszeit – dann mit 65. Eine zusätzliche Anhebung der Regelaltersgrenze würde genau diese Ausweichroute weiter entwerten: Wer die 45 Jahre nicht schafft, rutscht in teurere Abschläge; wer sie schafft, arbeitet real oft länger, weil Laufzeiten in körperlich harten Jobs selten glatt sind.

Kurz gesagt: Ein höheres Regelalter dreht an einer Stellschraube, die vor allem für Menschen mit kurzer gesunder Lebensarbeitszeit schmerzhaft ist. Wer früher geht – freiwillig oder gezwungen – zahlt dauerhaft drauf. Genau deshalb wäre die „Rente mit 70“ keine neutrale Anpassung, sondern für viele eine verdeckte Kürzung.

Hinweis: Wer früher gehen muss, kann Abschläge durch freiwillige Beiträge teilweise ausgleichen – das ändert jedoch nichts am Grundproblem, dass ein höheres Regelalter die Zahl der „vorzeitigen“ Zugänge samt Kürzungen steigt.