75,3 Prozent der 55- bis 64-Jährigen waren 2025 in Deutschland erwerbstätig. Zehn Jahre zuvor waren es 65,2 Prozent. Gleichzeitig lag das durchschnittliche Zugangsalter bei neuen Altersrenten 2025 bei 64,68 Jahren. Diese amtlichen Zahlen passen nur eingeschränkt zu der aktuellen politischen These eines Trends zur Frühverrentung. Ältere bleiben heute deutlich häufiger im Erwerbsleben und beginnen ihre Altersrente später als noch vor zwei Jahrzehnten.
Merz spricht von einem Trend zur Frühverrentung
Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte nach der Kabinettsklausur am 26. August, der „Trend zur Frühverrentung“ müsse gestoppt werden. Die Koalition wolle alle Anreize dafür beenden. In der offiziellen Mitschrift der Bundesregierung bezeichnete Merz das als Kernstück der Rentenreform. Härtefälle sollen im Gesetzgebungsverfahren berücksichtigt werden.
Die Aussage beschreibt ein politisches Ziel. Ob tatsächlich ein allgemeiner Trend zu immer früherem Ausscheiden besteht, ist eine andere Frage. Genau hier liefern jüngste Regierungs- und Rentendaten ein deutlich differenzierteres Bild.
10,1 Prozentpunkte mehr in zehn Jahren
Die Bundesregierung hat die Entwicklung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage beziffert. Danach stieg die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen von 65,2 Prozent im Jahr 2015 auf 75,3 Prozent im Jahr 2025. Das sind 10,1 Prozentpunkte mehr. Bezogen auf jeweils 100 Menschen dieser Altersgruppe sind heute statistisch gut zehn mehr erwerbstätig als vor zehn Jahren.
Deutschland liege damit bei der Erwerbsbeteiligung der 55- bis 64-Jährigen in der Spitzengruppe der Europäischen Union. Die Bundesregierung will den Anstieg dennoch fortsetzen und ältere Beschäftigte nach eigener Formulierung so lange wie möglich und individuell gewünscht im Erwerbsleben halten.
Auch die Altersrente beginnt später
Der zweite Befund kommt aus der Rentenstatistik. Im aktuellen Statistikband Rente 2025 der Deutschen Rentenversicherung liegt das durchschnittliche Zugangsalter aller neuen Altersrenten bei 64,68 Jahren. Der Rentenatlas weist für 2003 noch 62,9 Jahre für Männer und Frauen aus. Innerhalb von gut zwei Jahrzehnten hat sich der tatsächliche Rentenbeginn damit um knapp 1,8 Jahre nach hinten verschoben.
Das entspricht rechnerisch knapp 22 zusätzlichen Monaten bis zum Beginn der Altersrente. Dahinter stehen mehrere Ursachen. Frühere Altersrentenarten sind ausgelaufen, Altersgrenzen wurden angehoben und die Regelaltersgrenze steigt schrittweise auf 67 Jahre.
Für den persönlichen Renteneintritt sagt der Durchschnitt trotzdem wenig aus. Nach geltendem Recht können Jahrgänge ab 1964 beispielsweise nach 35 Versicherungsjahren ab 63 mit Abschlägen starten. Nach 45 Versicherungsjahren ist ein abschlagsfreier Beginn ab 65 möglich. Die umgangssprachliche Rente mit 63 beginnt für diese Jahrgänge also schon heute nicht mehr mit 63.
Die Zahlen widerlegen nicht jede Frühverrentung
Die hohe Erwerbstätigenquote allein beweist nicht, dass Frühverrentung kein Problem ist. Sie misst, wie viele Menschen zwischen 55 und 64 erwerbstätig sind. Sie zeigt nicht, wie viele Beschäftigte über Altersteilzeit, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder eine vorgezogene Altersrente früher aus ihrem bisherigen Beruf ausscheiden.
Umgekehrt lässt sich aus einzelnen frühen Rentenzugängen kein allgemeiner Trend zu immer früherer Verrentung ableiten. Das durchschnittliche Zugangsalter ist langfristig gestiegen. Zudem ist der Beginn einer Altersrente nicht zwingend mit dem Ende der Erwerbstätigkeit identisch.
Für die Rentenreform ist deshalb eine präzisere Zielgröße nötig. Die abschlagsfreie Altersrente nach 45 Versicherungsjahren, die abschlagspflichtige Rente nach 35 Jahren, betriebliche Altersteilzeit und gesundheitsbedingte Erwerbsausstiege sind unterschiedliche Vorgänge. Wer zusätzliche Monate Erwerbstätigkeit erreichen will, muss benennen, an welchem dieser Mechanismen angesetzt werden soll. Die amtlichen Daten belegen jedenfalls keinen allgemeinen Trend zu einem immer früheren Rentenbeginn.