Wer morgens Hilfe beim Aufstehen, Waschen oder Anziehen benötigt, kann einen ausgefallenen Pflegeeinsatz nicht einfach auf die nächste Woche verschieben. Trotzdem wächst die Zahl der Menschen, die auf ambulante Unterstützung angewiesen sind, deutlich schneller als das Personal. Zwischen 2021 und 2023 kamen rund 54.000 ambulant versorgte Pflegebedürftige hinzu. Bei den Pflegediensten arbeiteten dagegen nur 3.565 Beschäftigte mehr.
Für Betroffene wird dieser Pflegenotstand besonders spürbar, wenn ein Dienst seine Preise erhöht, Einsatzzeiten verändert oder einzelne Leistungen nicht mehr übernehmen kann. Ein Wechsel klingt auf dem Papier einfach. Ohne einen anderen Dienst mit freien Kapazitäten bleibt er jedoch reine Theorie.
54.000 Menschen zusätzlich zu versorgen
Ende 2023 wurden rund 1,1 Millionen Pflegebedürftige zusammen mit oder vollständig durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste versorgt. Zwei Jahre zuvor waren es etwa 1,05 Millionen. Nach der aktuellen Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes entspricht das einem Anstieg um 5,1 Prozent.
Mit dem zusätzlichen Bedarf hielten weder die Zahl der Dienste noch die Zahl ihrer Beschäftigten Schritt:
| Ambulante Pflege | 2021 | 2023 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Versorgte Pflegebedürftige | rund 1,05 Mio. | rund 1,10 Mio. | +54.000 / +5,1 % |
| Pflege- und Betreuungsdienste | 15.376 | 15.549 | +173 / +1,1 % |
| Beschäftigte der Dienste | 442.860 | 446.425 | +3.565 / +0,8 % |
Bundesweit kamen innerhalb von zwei Jahren somit lediglich 173 ambulante Dienste hinzu. Auch dahinter können sehr unterschiedliche Betriebe stecken. Ein kleiner Dienst mit wenigen Touren zählt in der Statistik genauso als Einrichtung wie ein großer Anbieter mit vielen Beschäftigten.
446.425 Beschäftigte sind keine Vollzeit-Pflegekräfte
Die Personalzahl darf nicht mit 446.425 voll verfügbaren Pflegefachkräften verwechselt werden. Erfasst werden sämtliche Beschäftigten der ambulanten Dienste. Dazu gehören neben Pflegefachkräften und Pflegehelfern unter anderem Betreuung, Hauswirtschaft, Verwaltung und Auszubildende.
Nur 126.251 Beschäftigte arbeiteten 2023 in Vollzeit. Gegenüber 2021 kamen in dieser Gruppe 1.566 Personen hinzu. Kopfzahlen sagen daher nur begrenzt aus, wie viele zusätzliche Pflegestunden tatsächlich zur Verfügung stehen. Die Personalstatistik von Destatis belegt vor allem eines: Trotz des deutlich gestiegenen Bedarfs ist die Belegschaft der ambulanten Dienste nahezu stehen geblieben.
Auch am Arbeitsmarkt fehlt der notwendige Nachwuchs. Sowohl examinierte Pflegefachkräfte als auch Pflegeassistenten werden in der Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit geführt. Auf 100 gemeldete Stellen für Pflegefachkräfte kommen bundesweit lediglich 57 arbeitslose Fachkräfte. Knapp die Hälfte der Beschäftigten in Pflegeberufen arbeitet zudem in Teilzeit, wie die Bundesagentur für Arbeit im Mai 2026 berichtete.
Ein Anbieterwechsel ist oft nur Theorie
Die Bundesstatistik erfasst keine Wartelisten und auch nicht, wie viele Pflegedienste Pflegebedürftige nicht neu aufnehmen können. Sie beweist deshalb keinen flächendeckenden Aufnahmestopp. Sehr wohl zeigt sie aber, dass die ambulanten Strukturen mit der steigenden Nachfrage nicht Schritt halten.
Besonders hart trifft das Menschen, die täglich feste Hilfe benötigen. Ein Dienst, der einmal pro Woche Unterstützung im Haushalt anbietet, ersetzt keine Tour am Morgen und am Abend. Auch ein günstigeres Angebot nützt nichts, wenn der Anbieter den Wohnort nicht anfährt oder den notwendigen Zeitkorridor nicht abdecken kann.
Je nach Pflegegrad stehen für ambulante Pflegesachleistungen derzeit zwischen 796 und 2.299 Euro im Monat zur Verfügung. Dieses Budget bezahlt vereinbarte Hilfe. Es schafft aber weder zusätzliches Personal noch garantiert es, dass vor Ort ein passender Pflegedienst verfügbar ist.
Steigen die Preise eines Dienstes, reicht das unveränderte Budget für weniger Leistungen. Betroffene können dann privat zuzahlen, Einsätze reduzieren oder nach einem anderen Anbieter suchen. Gerade die letzte Möglichkeit ist in einem angespannten Markt häufig die schwächste.
Angehörige fangen immer mehr auf
Fehlende professionelle Hilfe verschwindet nicht. Körperpflege, Mahlzeiten, Toilettengänge und Betreuung müssen trotzdem organisiert werden. Vieles landet bei Ehepartnern, Kindern oder anderen nahestehenden Menschen.
Auch diese Entwicklung ist in der Pflegestatistik sichtbar. Ende 2023 erhielten 3,1 Millionen Pflegebedürftige ausschließlich Pflegegeld und wurden überwiegend durch Angehörige versorgt. Binnen zwei Jahren wuchs diese Gruppe um rund 549.000 Menschen oder 21 Prozent. Aus den Zahlen lässt sich nicht ablesen, wie viele Familien sich bewusst für die Pflege ohne Dienst entschieden haben und wie viele keinen passenden Anbieter fanden. Der enorme Zuwachs zeigt aber, wie stark die häusliche Pflege auf private Hilfe angewiesen ist.
Unterstützt ein Pflegedienst nur teilweise, lässt sich die professionelle Hilfe über die Kombinationsleistung mit anteiligem Pflegegeld verbinden. Auch dieses Modell funktioniert nur, solange ein Dienst die benötigten Einsätze tatsächlich übernimmt.
Der Bedarf steigt weiter
Eine schnelle Entspannung ist nicht absehbar. In einer Modellrechnung erwartet das Statistische Bundesamt, dass ambulante Pflege- und Betreuungsdienste bis 2049 rund 180.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigen. Gegenüber 2019 wäre das ein Anstieg um 60 Prozent. Selbst unter günstigen Annahmen könnten über alle Pflegebereiche hinweg bereits 2034 rund 90.000 Pflegekräfte fehlen. Die Pflegekräftevorausberechnung ist keine sichere Prognose, zeigt aber die Größenordnung des Problems.
Für Pflegebedürftige ist der Engpass schon heute keine abstrakte Personalstatistik. Er entscheidet mit darüber, ob morgens jemand kommt, ob Angehörige einspringen müssen und ob eine Preiserhöhung durch einen Anbieterwechsel überhaupt vermieden werden kann. Wahlfreiheit besteht nur dort, wo tatsächlich mehr als ein Pflegedienst Zeit hat.