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Long Covid und Pflegegrad – wann 347 Euro Pflegegeld möglich sind

Chronisch erschöpfte Frau mit Long-Covid Symptomen wird von ihrem Ehemann unterstützt

Duschen, Anziehen oder der kurze Weg zur Toilette – was früher selbstverständlich war, kann nach einer Corona-Infektion plötzlich kaum noch allein zu bewältigen sein. Long Covid und das Post-Covid-Syndrom können die Selbstständigkeit so stark einschränken, dass ein Pflegegrad möglich wird. Das gilt auch bei schweren Verläufen mit ME/CFS.

Ab Pflegegrad 2 zahlt die Pflegekasse monatlich 347 Euro Pflegegeld oder übernimmt Pflegesachleistungen von bis zu 796 Euro. Einen festen Pflegegrad für die Folgen einer COVID-19-Erkrankung gibt es allerdings nicht. Entscheidend ist nicht die Diagnose auf dem Arztbrief, sondern die konkrete Frage, wie viel Hilfe im Alltag regelmäßig benötigt wird.

Long Covid, Post Covid und ME/CFS

Von Long Covid wird gesprochen, wenn Beschwerden nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 länger als vier Wochen anhalten. Bestehen sie nach mehr als zwölf Wochen fort, wird häufig der Begriff Post Covid verwendet. Im allgemeinen Sprachgebrauch und bei Suchanfragen werden Long Covid und Post Covid allerdings oft gleichbedeutend genutzt.

Ein Teil der Betroffenen entwickelt nach Covid-19 ein Beschwerdebild, das die Kriterien der Myalgischen Enzephalomyelitis beziehungsweise des Chronischen Fatigue-Syndroms erfüllt. Die Abkürzung lautet ME/CFS.

Als besonders belastend gilt die Post-Exertional Malaise, kurz PEM. Bereits eine geringe körperliche oder geistige Anstrengung kann die Beschwerden zeitverzögert erheblich verschlimmern. Ein solcher Belastungszusammenbruch kann Stunden, mehrere Tage oder noch länger anhalten.

Das Bundesgesundheitsministerium ordnet ME/CFS als eine besonders schwere Verlaufsform von Long Covid ein. Seit dem 11. Juni 2026 gelten zudem neue Regelungen des Gemeinsamen Bundesausschusses. Unter festgelegten Voraussetzungen können einzelne Arzneimittel im Off-Label-Use gegen Fatigue bei Long/Post-Covid und ME/CFS, kognitive Beschwerden oder das posturale Tachykardiesyndrom eingesetzt werden. Die entsprechenden Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses sind seit diesem Tag in Kraft.

Ein Pflegegrad entsteht durch diese Behandlungsmöglichkeiten jedoch nicht automatisch. Auch eine schwere Diagnose führt für sich genommen noch nicht zu Leistungen der Pflegeversicherung.

Diese Beschwerden können den Pflegegrad beeinflussen

Long Covid kann den Körper an vielen Stellen treffen. Zu den möglichen Folgen gehören ausgeprägte Fatigue, Atemnot, Muskelschwäche, Gelenk- und Muskelschmerzen, Schlafstörungen, Schwindel sowie Herzrasen beim Aufstehen.

Bei einem posturalen orthostatischen Tachykardiesyndrom, kurz POTS, können bereits längeres Stehen und kurze Wege zum Problem werden. Schwer Betroffene schaffen die Körperpflege, Toilettengänge oder das Treppensteigen nur noch mit Unterstützung.

Hinzu kommen mögliche geistige Einschränkungen, die häufig unter dem Begriff Brain Fog zusammengefasst werden. Dazu gehören Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme, verlangsamtes Denken, Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten beim Planen.

Manche Betroffene vergessen ihre Medikamente, können Risiken nicht zuverlässig einschätzen oder schaffen es ohne Anleitung nicht, ihren Tag sinnvoll zu strukturieren. Auch depressive Beschwerden können zusammen mit Long oder Post Covid auftreten.

Für die Pflegebegutachtung genügt es allerdings nicht, diese Symptome aufzuzählen. Entscheidend ist, was sie im Alltag auslösen. Wird Hilfe beim Duschen, Anziehen, Aufstehen, Treppensteigen, bei der Einnahme von Medikamenten oder bei der Tagesstruktur benötigt, kann dies bei der Begutachtung Punkte bringen.

Wer dagegen vor allem beim Einkaufen, Kochen und Putzen Unterstützung braucht, kann trotz erheblicher Belastung ohne Pflegegrad bleiben. Haushaltsführung und außerhäusliche Aktivitäten werden zwar dokumentiert, fließen nach den Begutachtungs-Richtlinien des Medizinischen Dienstes aber nicht unmittelbar in die Berechnung des Pflegegrads ein. Für Betroffene kann genau diese Trennung besonders bitter sein: Der Alltag funktioniert nicht mehr allein, doch die benötigte Hilfe wird nur teilweise gewertet.

Welcher Pflegegrad bei Long Covid möglich ist

Die Pflegekasse entscheidet nicht nach der Diagnose, sondern anhand eines gewichteten Punktesystems. Die Schwellen gelten bei Long Covid, Post Covid und ME/CFS genauso wie bei allen anderen Erkrankungen.

PflegegradGewichtete PunkteWichtige Leistungen 2026
Kein Pflegegradunter 12,5Keine Leistungen der Pflegeversicherung
Pflegegrad 112,5 bis unter 27131 € Entlastungsbetrag und bis zu 42 € für Pflegehilfsmittel
Pflegegrad 227 bis unter 47,5347 € Pflegegeld oder bis zu 796 € Pflegesachleistungen
Pflegegrad 347,5 bis unter 70599 € Pflegegeld oder bis zu 1.497 € Pflegesachleistungen
Pflegegrad 470 bis unter 90800 € Pflegegeld oder bis zu 1.859 € Pflegesachleistungen
Pflegegrad 590 bis 100990 € Pflegegeld oder bis zu 2.299 € Pflegesachleistungen

Die Beträge entsprechen der Leistungsübersicht des Bundesgesundheitsministeriums für 2026.

Pflegegrad 1 kommt in Betracht, wenn eine geringe, aber dauerhafte Beeinträchtigung der Selbstständigkeit festgestellt wird. Pflegegeld gibt es in dieser Stufe noch nicht. Der Entlastungsbetrag von bis zu 131 Euro kann jedoch unter anderem für anerkannte Alltagshilfen eingesetzt werden. Zusätzlich stehen monatlich bis zu 42 Euro für zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel zur Verfügung.

Pflegegrad 2 wird realistischer, wenn regelmäßig personelle Hilfe in mehreren bewerteten Bereichen benötigt wird. Das kann etwa Unterstützung beim Duschen und Anziehen, Begleitung beim Treppensteigen, Hilfe bei Medikamenten und eine tägliche Anleitung wegen Brain Fog umfassen.

Ob eine solche Kombination tatsächlich die erforderlichen 27 Punkte erreicht, hängt von der Häufigkeit und dem Ausmaß der benötigten Hilfe ab. Eine automatische Zuordnung bestimmter Long-Covid-Symptome zu Pflegegrad 2 wäre unseriös.

Pflegegrad 3 setzt bereits schwere Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit voraus. Bei Long Covid oder ME/CFS kann diese Stufe erreichbar sein, wenn umfangreiche tägliche Hilfe bei der Körperpflege, Mobilität und Krankheitsbewältigung notwendig ist.

Pflegegrad 4 oder 5 kommen nur in Betracht, wenn Betroffene in sehr großem Umfang von personeller Unterstützung abhängig sind.

Weitere Leistungen ab Pflegegrad 2

Neben dem Pflegegeld oder den Pflegesachleistungen haben Pflegebedürftige der Pflegegrade 2 bis 5 Anspruch auf den Entlastungsbetrag von monatlich 131 Euro. Hinzu kommt der gemeinsame Jahresbetrag für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege von bis zu 3.539 Euro.

Je nach persönlicher Situation können außerdem Leistungen für Tagespflege, eine notwendige Wohnraumanpassung und technische Pflegehilfsmittel hinzukommen.

Übernimmt ein Angehöriger die Versorgung, kann die Pflegekasse ab Pflegegrad 2 Rentenbeiträge für die Pflegeperson zahlen. Die häusliche Pflege muss dafür regelmäßig mindestens zehn Stunden pro Woche umfassen und auf wenigstens zwei Tage verteilt sein. Die eigene Erwerbstätigkeit der Pflegeperson darf grundsätzlich 30 Wochenstunden nicht überschreiten. Auf diese Voraussetzungen weist auch die Deutsche Rentenversicherung hin.

Warum ein guter Tag den Antrag gefährden kann

Long Covid und ME/CFS verlaufen häufig schwankend. Am Tag der Begutachtung kann eine Tätigkeit gelingen, die an mehreren anderen Tagen nur mit Hilfe möglich ist. Genau dadurch kann ein falsches Bild entstehen.

Ein Pflegeprotokoll über zwei oder drei Wochen macht die Schwankungen sichtbar. Darin sollte festgehalten werden, wann Unterstützung beim Waschen, Anziehen, Essen, Aufstehen, bei Medikamenten oder bei der Tagesstruktur benötigt wurde.

Nicht allein die Dauer einer Tätigkeit entscheidet über die Bewertung. Wer sich sehr langsam und nur unter großer Erschöpfung selbst anziehen kann, gilt möglicherweise trotzdem als selbstständig. Die Belastung kann enorm sein, ohne dass daraus automatisch Punkte für den Pflegegrad entstehen.

Anders sieht es aus, wenn die Kleidung bereitgelegt werden muss, einzelne Handgriffe übernommen werden oder wegen Sturz- und Kreislaufgefahr eine andere Person anwesend sein muss. Solche konkreten Hilfen sind für die Begutachtung wichtiger als die allgemeine Aussage, dass das Anziehen sehr anstrengend sei.

Beim Antrag auf einen Pflegegrad sollten deshalb drei Dinge getrennt dargestellt werden: die Diagnose, die daraus entstehenden Beschwerden und der konkrete personelle Hilfebedarf.

Der Medizinische Dienst bewertet sechs Lebensbereiche. Besonders stark zählt die Selbstversorgung. Haushaltsprobleme allein reichen dagegen häufig nicht aus, um überhaupt die erste Punkteschwelle zu überschreiten.

Wird kein Pflegegrad festgestellt, schließt das eine Erwerbsminderungsrente wegen Long Covid nicht aus. Beide Leistungen betrachten unterschiedliche Folgen derselben Erkrankung. Beim Pflegegrad geht es um die notwendige Hilfe im Alltag. Bei der Erwerbsminderungsrente ist entscheidend, wie viele Stunden eine Person unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes noch arbeiten kann.